Misteln - Magische Baumbewohner

| Autor: Markus Zeiler | Kategorie: Herbst  Winter 

Für die Leser der Abenteuer des gallischen Helden Asterix und seines Freundes Obelix sind sie vermutlich die wichtigsten Pflanzen überhaupt, für die Beschützer von ökologisch wertvollen Streuobstwiesen eine Gratwanderung: Die Rede ist von den Misteln – jener Pflanzen, die aufgrund ihres eigentümlichen Wuchsverhaltens seit jeher als mystisch angesehen wurden und die um Weihnachten und den Neujahrswechsel in verschiedenen Ländern zum festen Brauchtum gehören.

Nur die weiblichen Mistelbüsche tragen die weißen Beeren.

Vorkommen und Entwicklung
Misteln zählen zur Gattung Viscum und gehören zur Familie der Sandelholzgewächse. Sie sind in den gemäßigten, subtropischen und tropischen Arealen verbreitet. In unseren Breiten ist die Weißbeerige Mistel (Viscum album) mit drei Unterarten vertreten, nämlich der Kiefernmistel, der Tannenmistel und der Laubholzmistel. Vor allem letztere springt mit dem Laubfall der Bäume im Herbst dem Naturbeobachter deutlich ins Auge. Die Pflanze ist zweihäusig, d.h. es gibt Exemplare, an denen nur männliche Blüten zu finden und solche, an denen nur weibliche Blüten anzutreffen sind. Sie blühen am Ende des Winters bzw. im zeitigen Frühjahr, im Lauf des Sommers wachsen die Früchte heran, ehe sie im November und Dezember zur Reife kommen. Jetzt werden die klebrigen Beeren von den Vögeln gefressen und der unverdauliche Samen wieder mit dem Kot ausgeschieden. Im April keimen die Samen auf den Zweigen und Ästen aus und verankern sich am Baum. Mit ihren grünen Blättern und Trieben betreibt die Mistel zwar Photosynthese, zapft gleichzeitig aber auch die Leitungsbahnen im Holzteil ihrer Wirtsbäume an und entnimmt ihnen so Wasser und Nährsalze.

Schmucker Schädling – Die Mistel als Halbschmarotzerin
Man bezeichnet die heimische Mistel als Halbschmarotzer, wobei einige Quellen sie auch als Schmarotzer titulieren, da sie vermutlich dem Baum auch Assimilate entziehen, also jene Produkte, die bei der Photosynthese entstehen. Gesunde und vitale Bäume können sich dem Befall mit Misteln durchaus widersetzen und stoßen die aus ihrer Sicht unerwünschten Eindringlinge wieder ab. Geschwächte Bäume sind hierzu nur bedingt in der Lage und so finden wir vor allem in gestressten Bäumen viele Misteln. Da dieser Stress aufgrund von Luftverschmutzung, saurem Regen und Klimaveränderungen eher zugenommen hat, haben sich auch die Misteln in den letzten 10 bis 20 Jahren deutlich ausgebreitet. Weitere Gründe sind milde Winter, denn Väterchen Frost ist ein natürlicher Gegenspieler der immergrünen Pflanzen und auch der Umstand, dass heute die Apfelbäume in den Streuobstwiesen nicht mehr die notwendige Pflege erfahren wie in früheren Zeiten. Der regelmäßige Obstbaumschnitt hielt nebenbei die Mistel in Schach und ihre Vermehrung in Grenzen. Damit lässt sich auch eine andere wichtige Frage beantworten: Die Mistel steht nicht unter Naturschutz und gehört auch nicht zu den gefährdeten Pflanzen und so kann sie, wenn sie andere Kulturpflanzen gefährdet, auch entfernt werden.

Schon von weitem sieht man in der kalten Jahreszeit die kugeligen Misteln in den Baumkronen hängen. Von den immergrünen Zweigen ernähren sich heimische Vögel und Insekten.

Die Mistel zwischen Magie und Brauchtum
Doch es wäre jetzt zu kurz gegriffen, die Mistel lediglich als (Halb-)Schmarotzer oder Schädling zu beschreiben. Vermutlich weil die Pflanze nicht wie andere in der Erde sondern auf Bäumen wuchsen, verband man mit der Mistel schon seit jeher Magie und Zauberei sowie höheren Mächten. Nicht nur Trivialnamen wie etwa „Hexenbesen“ zeugen davon, sondern auch Bräuche und Riten die sich rund um die Mistel entwickelten: Sowohl bei den Kelten als auch bei den Griechen spielte die Mistel eine wichtige Rolle. Miraculix und seine gallischen Druiden-Kollegen schnitten die Mistel bei Vollmond mit der goldenen Sichel und achteten darauf, dass die geschnittenen Pflanzen nicht mehr den Boden berührten. Da die Misteln in der Adventszeit ihre Früchte ausbilden und zudem noch immergrün sind, wurden sie auch zum wichtigen Symbol für die weihnachtliche Festzeit. Von England ausgehend, hat sich der beliebte Brauch verbreitet sich unter einem hängenden Mistelzweig zu küssen. In Frankreich wird mit Mistelzweigen auch das neue Jahr begrüßt.

Der Kuss unter einem Mistelzweig hat sich mittlerweile auch hierzulande zu einer beliebten Tradition etabliert, sagt man ihr Glück und ewige Liebe nach. Bildnachweis: shutterstock.com/gpointstudio

Misteln in der Medizin
Obwohl oder gerade weil die Mistel zu den Giftpflanzen zählt, hat sich der Halbschmarotzer trotz aller Mystik, Magie und Zauberei schon längst auch zur Heilpflanze gemausert. Zwar ist der Verzehr von Pflanzenteilen nicht tödlich, aber vor allem die klebrigen Früchte sorgen für Erbrechen, Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall. Die in der Mistel vorhandenen Viscotoxine kommen heute unter anderem in Arzneien zur Krebsbehandlung im Rahmen von Chemotherapien zum Einsatz, da diese Stoffgruppe eine zellschädigende Wirkung hat.

Schlagwörter: Adventszeit, Weihnachten, Mistel, Mistelzweig, Viscum, Schmarotzer

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